St. Ursula - Stadtpatronin von Köln

Ursula war der Legende nach die fromme Tochter des Königs der Bretagne, Maurus. Der König von England hörte von ihrer großen Tugend, Weisheit und Schönheit und wollte, daß sie seinen einzigen Sohn, Conanus, heiraten sollte. So reisten Gesandte zum Hofe des Königs Maurus. Als sie merkten, daß der König wenig Lust hatte, seine Tochter mit einem Heiden zu vermählen, ließen sie den höflichen Bitten schwere Drohungen folgen. Da hatte Ursula eine göttliche Eingebung. Sie stellte folgende Bedingungen für eine Heirat: Conanus sollte sich taufen lassen und ihr eine Frist von drei Jahren bis zur Hochzeit gewähren; innerhalb dieser Zeit wollte sie auf eine Pilgerfahrt gehen, bei der zehn vom englischen König und ihrem Vater ausgewählte Jungfrauen sie begleiten würden; ihr und jeder der anderen zehn Jungfrauen sollten sich noch einmal je tausend weitere zugesellen, die sich dann alle zusammen nach Rom begeben würden. Da sich Conanus mit den Bedingungen Ursulas einverstanden erklärte, traten die Elftausend bei günstigem Wind ihre Reise an. In Köln angelangt, erschien Ursula im Traum ein Engel, der ihr auftrug, von Rom nach Köln zurückzukehren, da es ihr und ihren Begleiterinnen bestimmt sei, hier den Märtyrertod zu erleiden. In Rom schlossen sich unter dem Eindruck der großen Frömmigkeit Ursulas der Papst und noch einige andere dem Pilgerzug an. Zwei heidnische, römische Heerführer fürchteten den Siegeszug des Christentums, als sie diese gewaltige Pilgerschar sahen. Darum sandten sie Boten zu den Hunnen. Dieser barbarische Volksstamm sollte Ursulas Gesellschaft vor Köln abfangen und töten. Inzwischen war auch dem Conanus ein Engel erschienen, der ihm auftrug, er solle seiner Braut entgegenreisen, was er auch tat. In Mainz stieß er zu der Schar der Jungfrauen und wurde in dieser Stadt auf den Namen Aetherius getauft. Von dort ging die Reise wie vorgesehen weiter bis nach Köln, wo sich das Schicksal der Pilger erfüllte. Wie die Wölfe  über die Lämmer, so fielen die Hunnen  über die frommen Frauen und ihre Gefolgschaft her. Ursula  überlebte zunächst das Blutbad, weil der Hunnenkönig Attila von ihrer großen Schönheit beeindruckt war. Doch als sie das Angebot, seine Frau zu werden, empört ausschlug, ließ der beleidigte König sie mit einem Pfeil erschießen. Eine weitere Jungfrau, Cordula, hatte das Gemetzel zunächst  überlebt, weil sie sich aus Angst in einem der Schiffe versteckt hatte. Dort blieb sie bis zum andern Tag. Dann hatte auch sie Mut gefaßt, und stellte sich nun ebenfalls dem Märtyrertod. Nach ihrer Ermordung sollen Engelsheere die Hunnen von Köln vertrieben haben. Die Kölner sammelten daraufhin die Toten und begruben sie in allen Ehren.
Soweit die gängige Version dieser schönen Legende.

Im 12. Jahrhundert fand man in der Nähe der (erst später gebauten) romanischen Kirche St. Ursula eine Gräberstätte, von der man annahm, es sei die der hl. Ursula und ihrer Gefährten. Tatsächlich handelte es sich aber um ein römisches Gräberfeld.

Es entstand ein ausgesprochener Heiligenkult, in dessen Folge man begann, die zahlreichen Gebeine als Reliqien zu verkaufen. Dieser Verkauf war eigentlich nicht erlaubt, aber die Kölner hatten ein einträgliches Hintertürchen entdeckt: Man brauchte die Knochen nur in ein Reliquiar, einen Reliqienbehälter also, zu legen, und schon hatte der Handel auch den Segen der Kirche. Daraus entwickelte sich ein regelrechter "Exportschlager". Man fertigte aus Holz Mädchenbüsten, die typische "Rheinmädel" darstellten, rundlich, mit rosigen Wangen und oft einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Vorne haben diese Büsten eine Öffnung, durch die man die kostbar umhüllten Reliquien sehen konnte. Und besonders liebe Freunde des Kölner Klerus erhielten auch schon einmal eine oder sogar mehrere "ganze" Jungfrauen zum Geschenk!

Erst 1393 setzte der Papst selber dem Treiben der Kölner ein jähes Ende: er verbot die weitere Ausfuhr von Kölner Ursulareliquien, weil er befürchtete, daß die Kölner sonst selbst bald keine mehr hätten. Tatsache ist, daß zu dieser Zeit bereits ca. 12.000 Ursulareliquien in Umlauf waren (von denen heute noch ca. 3.000 existieren).

Ursula war im Mittelalter die Schutzpatronin der Kölner Tuchhändler, einem der einträglichsten Wirtschaftszweige der Stadt, und wurde im weieren Verlauf auch zur Stadtpatronin erhoben. Auf dem Stadtwappen wird sie noch heute durch ein weißes Feld mit elf schwarzen Tropfen oder Flammen repräsentiert. In Wirklichkeit handelt es sich weder um Tropfen noch um Flammen. Das bretonische Wappen besteht aus Hermelinpelz. Deshalb zeigt das Kölner Wappen einen weißen Hermelinpelz mit elf schwarzen Hermelinschwänzen.

In der romanischen Kirche St. Ursula, die  über dieser Gräberstätte erbaut wurde, findet sich eine Inschrift aus frühchristlicher Zeit, die bezeugt, daß an dieser Stelle tatsächlich Jungfrauen das Martyrium erlitten haben. Diese sogenannte Clematius-Inschrift wird heute zusammen mit der Tatsache, daß man bei archäologischen Grabungen schon für das 4. Jahrhundert eine römische Basilika an dieser Stelle nachweisen konnte, im allgemeinen als Beweis dafür gewertet, daß die Legende zumindest auf einen wahren Kern zurückgeht. Ein großer Teil der Geschichte ist allerdings wohl der Phantasie der mittelalterlichen Erzähler zuzuschreiben, denn nicht einmal der Name der Heiligen ist unumstritten. Die heutige Namensgebung rührt wahrscheinlich von der Entdeckung eines frühchristlichen Grabsteins eines achtjährigen Mädchens mit dem Namen Ursula her. Die Anzahl der Heiligen, die ja doch recht erstaunlich ist, geht wahrscheinlich auf einen Lesefehler bei der Entzifferung der auf lateinisch geschriebenen Legende zurück: aus der Abkürzung "M" für "Märtyrerinnen" machte man einfach ein "mille"= "Tausend". (Möglicherweise wurde dieser "Fehler" sogar absichtlich erzeugt, um die  übergroße Anzahl der gefundenen Gebeine zu erklären!)

Ursula wurde und wird  übrigens nicht nur bei uns in Köln, sondern in vielen Ländern dieser Erde verehrt und gehört zu den populärsten Heiligen überhaupt. Das hat sicher zum einen damit zu tun, daß ihre Legende viele Länder berührt, da Ursula gewissermaßen durch halb Europa reiste. Zum anderen ist hier aber auch eine  äußerst St. Ursularomantische, fast balladenhafte Legende entstanden, die mit ihren vielen Identifikationsmöglichkeiten jeden Zuhörer einfach in ihren Bann ziehen muß. Auch die Maler des Mittelalters, und nicht zuletzt die der berühmten Kölner Malerschule des Mittelalters (zu der z.B. Stefan Lochner gehörte) wurden von der Legende inspiriert. Eine besonders ausführliche Schilderung von Leben und Martyrium der hl. Ursula gibt der 31 Einzelszenen umfassende Bilderzyklus in St. Ursula selbst. Leider ist er nicht mehr vollständig präsent. Die fehlenden Bilder befinden sich im Wallraf-Richartz-Museum und im Diözesan-Museum.

Erwähnen muß man hier natürlich auch die "Goldene Kammer" in St. Ursula. Sie bildet ein auf diese Art nördlich der Alpen einzigartiges Heiligtum. Dieser Raum, der der Aufbewahrung der unzähligen Ursulareliquien dient, entstand 1643. Allerdings wird eine "gülden Kamer" schon 1528 erstmals erwähnt. Für uns moderne Menschen wirkt dieser Raum zumindest befremdlich, wenn nicht sogar furchterregend. Die Knochen der Heiligen wurden hier wie Mosaiksteine verwendet. Im oberen Wandbereich hat man mit ihnen Ornamente, Inschriften und christliche Symbole gelegt, im unteren Bereich befindet sich in Nischen Reliquienbüste an Reliquienbüste, die ältesten darunter noch aus dem 13. Jahrhundert. Was uns wie ein Gruselkabinett vorkommt, war jedoch in seiner Entstehungszeit für den Betrachter ein großartiges Heiligtum und Anlaß zu frommer Meditation.



© Yvonne Plum
Der Text wird hier erstmals veröffentlicht.

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