Museen in und um Köln


Museum für Angewandte Kunst

Das Museum für Angewandte Kunst ist von seinem Gründungsdatum 1888 her gesehen eines der ältesten Museen Kölns, von seiner "Wiederauferstehung" im jetzigen Gebäude An der Rechtsschule her betrachtet ist es Kunstgewerbemuseum am Hansaringjedoch eines der jüngsten. 1888 hatte eine Gruppe von engagierten Kölner Bürgern, die auch schon den Kunstgewerbe-Verein gegründet hatten, das "Kunstgewerbemuseum" ins Leben gerufen, dessen im Laufe der Jahre rasch anwachsende Bestände schließlich im Jahre 1900 am Hansaring ein erstes Domizil beziehen konnten.

Den Grundstock der Sammlung bildeten die vorwiegend mittelalterlichen und renaissancezeitlichen Gegenstände der Sammlungen Ferdinand Franz Wallrafs und Mathias de Noels. Diese wurden ergänzt durch kleinere und größere Stiftungen von Kölner Bürgern sowie die Schenkung des Malers Wilhelm Clemens, die ca. 1.600 besonders qualitätvolle Objekte vom Mittelalter bis zum Frühbarock beinhaltete. Damit erreichte das Museum bald internationalen Rang. Einige wichtige ehemalige Sammlungsbestandteile gelangten allerdings durch Ausgliederung in später gegründete Museen (Schnütgen-Museum, Museum für Ostasiatische Kunst). Trotzdem sind heute innerhalb Deutschlands nur das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, das Museum für Kunsthandwerk in Frankfurt a. M. und das Kunstgewerbemuseum in Berlin als gleichrangig zu bewerten. Der Zweite Weltkrieg mit der Schließung und Zerstörung des alten Gebäudes am Hansaring sowie der Auslagerung der Bestände stellt in der Geschichte des Museums den gravierendsten Einschnitt dar.

Nach dem Krieg, der glücklicherweise fast den gesamten Bestand der Sammlungen bis auf wenige Ausnahmen unversehrt ließ, konnte an einen Neubau zunächst nicht gedacht werden, so daß das Museum in verschiedenen Depots ein verborgenes Dasein führte und nur begrenzte Teile der Sammlungen in Sonderausstellungen in der Eigelsteintorburg oder im Overstolzenhaus gezeigt werden konnten. Trotzdem sind gerade in diesen schwierigen Jahren wichtige Aktivitäten und bedeutende Stiftungen zu verzeichnen, die das ungeschmälerte Interesse der Kölner Bürger an diesem einst von ihnen selbst gegründeten Museum eindrucksvoll belegen. Der allgemein unbefriedigende Zustand fand erst 1986 ein Ende, als das Wallraf-Richartz-Museum/Museum Ludwig aus dem Bau des Architekten Rudolf Schwarz An der Rechtsschule in sein neues Domizil zwischen Dom und Rhein umzog. Der denkmalgeschützte, dreiflügelige Baukomplex aus den 50er Jahren steht auf dem Gelände des im vorigen Jahrhundert abgerissenen Minoritenklosters und wurde im Innenbereich von dem Architekten Walter Lom 1986-89 behutsam für die Bedürfnisse des neuen Museums umgebaut. Am 11. Juni 1989 konnte das inzwischen in "Museum für Angewandte Kunst" umbenannte Kunstgewerbemuseum dem Publikum endlich wieder seine Pforten öffnen und seine reichen Bestände - ca. 35.000 Objekte aus allen Stilepochen und eine Grafiksammlung von 70.000 Blättern - präsentieren.

Was bedeutet eigentlich der Begriff "Angewandte Kunst"? Dieser komplexe Bereich umfaßt alles künstlerisch gestaltete Gebrauchsgerät des alltäglichen Lebens aus jedewedem Material, wobei gerade im Mittelalter auch Kirchengerät eine wichtige Rolle spielt. Seit der Mensch Dinge zur Bewältigung des täglichen Lebens herstellt, ist er bestrebt, ihnen eine bestimmte als schön empfundene Form zu geben, sie je nach Epoche und Zeitstil einmal mehr ornamental, ein andermal eher zweckgebunden zu gestalten. Die Auswahl des Materials und dessen handwerkliche Gegebenheiten sowie die Art der späteren Verwendung des gefertigten Gegenstandes bestimmen entscheidend dessen Aussehen. Im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung wurde die nun entstehende Massenware immer häufiger als mechanisch und "seelenlos" empfunden. Dadurch gewann Ende des 19. Jahrhunderts die Sachkultur wieder besondere Bedeutung. Die damals eingerichteten ersten Kunstgewerbemuseen sollten den Blick des Handwerkers auf bewährte, traditionelle Techniken der Fertigung lenken, und dienten gleichzeitig der Schulung des "guten Geschmacks" bei einem breiteren Publikum. In der Zeit des Historismus (ab ca. 1870), dessen wahllose Übernahme und Verwendung mehr oder weniger historischer Stilelemente von weitsichtigeren Künstlern schon damals angeprangert wurde, hat so die Entwicklung zum zweckgebundenen Design unseres Jahrhunderts ihren Anfang genommen. Gerade diese Entwicklung ist durch die Präsentation der Sammlungen für den Besucher leicht nachvollziehbar.

Vom Historismus-Saal ausgehend, über die breitgefächerte Jugendstil-Abteilung bis hin zum zweistöckigen Museumstrakt mit dem modernen Design des 20. Jahrhunderts im Ostflügel wird eine Fülle von Material zu diesem Themenkomplex angeboten. Hier zeigt sich das Museum am innovativsten, da modernes Design noch nicht lange für "museumswürdig" befunden und eigentlich erst seit den 70er Jahren gesammelt wird. Vom Bauhausstil der 20er Jahre über die Nierentisch-Ära bis hin zu den im Design wegweisenden Küchen- und Phonogeräten der Firma Braun und den skurrilen Entwürfen der italienischen Designer-Gruppe Memphis reicht die Palette der Produkte, die die Erfahrungswelt des Besuchers unmittelbar berühren, wenn dieser plötzlich "sein" Seriengeschirr von Arzberg oder "seinen" Alessi-Wasserkessel in einer Museumsvitrine entdeckt. Hier wird, neben dem Sammeln und Bewahren, eine weitere wichtige Aufgabe des Museums deutlich, nämlich das Vermitteln von kulturellen Zusammenhängen bzw. Unterschieden, die Verdeutlichung von Wertverschiebungen und Akzenten, wodurch der Betrachter schließlich zu einem Überdenken der eigenen Vorstellungen von der Welt der Dinge angeregt wird.

Lochner-BrunnenVerläßt man das Foyer und tritt in die große Eingangshalle, so fällt der Blick als erstes in den Innenhof. Man kann ihn betreten, ohne Museumseintritt zu bezahlen, denn daneben befindet sich eine Cafeteria, die nicht nur Museumsbesuchern offensteht. Der Hof wurde von dem Architekten in Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Ewald Mataré gestaltet, wobei der Kreuzgang des ehemaligen Minoritenklosters einbezogen wurde. Hier steht ein Brunnen, der 1953-56 von Ewald Mataré für den Neubau des Wallraf-Richartz- Museum geschaffen wurde. Seine Entstehung verdankt die Skulptur einem Wettbewerb, der 1951 von der Stadt Köln anläßlich des 500. Todestages des Hauptmeisters der Kölner Malerschule, Stefan Lochner, ausgeschrieben wurde. Das dreipaßförmige Wasserbecken zitiert sowohl die gotische Architektur der Minoritenkirche als auch die Kleeblattform als typisches Stilelement romanischer Choranlagen im Rheinland. Das Becken ist mit einem Goldmosaik aus- gelegt, womit an den für die mittelalterliche Malerei typischen Goldgrund erinnert wird. Aus der Mitte ragt ein über 7 Meter hoher Pfeiler aus Muschelkalk empor. Auf der Spitze der Stele steht ein Engel, der eine Palette in der Hand hält. (Insbesondere sogenannte "Wickelkind"-Engel tauchen in den Bildern Lochners häufig als Motiv auf.) Von Mataré stammt auch der 1956 geschaffene 6,5 m hohe Kalksteinpfeiler, der mit Pflanzenornamenten verziert ist. Beide Plastiken halten heute die Erinnerung an die ursprüngliche Nutzung des Museumsbaus wach.

Über einen großzügigen Treppenaufgang, der als eine der schönsten Treppenanlagen der 50er Jahre gilt, gelangt man in den ersten Stock des Gebäudes, wo im Eingangsbereich ein buntes Glasfenster mit Jugendstilgestalten aus dem Pallenberg-Saal des alten Gebäudes am Hansaring ins Auge fällt. Der Kölner Möbelfabrikant Pallenberg hatte dem ersten Kunstgewerbemuseum am Hansaring eine von dem Jugendstilkünstler Melchior Lechter 1898 - 1900 konzipierte aufwendige Saaldekoration gestiftet, bei deren Zerstörung nur dieses eine Fensterfragment erhalten blieb. Das von dem Dichter Stefan George inspirierte Thema behandelt die Erhöhung, Befreiung und Verewigung des Menschen durch die Kunst. Es steht heute als Symbol für die Gründung und den Auftrag des Vorgängermuseums und verweist den Besucher, der gleichzeitig an den flankierenden Wänden die Porträts der wichtigsten Stifter vorfindet, auf die Geschichte des Museums für Angewandte Kunst. Einzelne Vitrinen und Podeste präsentieren in diesem Bereich Stiftungen und Ankäufe aller Stilepochen aus neuester Zeit, die auf eine rege und lebendige Sammlertätigkeit hinweisen.

Betritt man durch eine der Türen den eigentlichen Ausstellungstrakt, so gelangt man in teilweise durch Gänge miteinander ver- bundene Räume, die jeweils einer Stilepoche oder einer einzelnen Materialgattung gewidmet und teilweise nach dem jeweiligen Stifter benannt sind. Die zurückhaltende Schlichtheit der Innengestaltung mit transparenten Vitrinen, mattsilberfarbenen Podesten und hellen Wandfarben läßt den Objekten genügend Raum zur vollen Wirkungsentfaltung. Auf eine "Ensemblepräsentation" im Sinne einer fiktiven Rekonstruktion, beispielsweise eines mittelalterlichen Innenraumes, wurde in der Regel bewußt verzichtet, um beim Besucher nicht möglicherweise falsche und wissenschaftlich nicht haltbare Vorstellungen zu wecken. In der Jugendstilabteilung hingegen werden zur Veranschaulichung des Begriffes "Gesamtkunstwerk", einer Leitvorstellung jener Zeit, bedeutende Innenraum- und Möbelensembles (z.B. das Wohnzimmerensemble von Hans Christiansen, Mainz, 1910) präsentiert. Häufig werden die Objekte in den einzelnen Stilepochenräumen nach Gattungen oder Materialien geordnet gezeigt; Möbel stehen frei auf den Podesten. Damit werden dem Besucher gleich mehrere Möglichkeiten der Betrachtung und des Zugangs zu den Objekten eröffnet: Wer sich beispielsweise nur für ein bestimmtes Material und dessen Verwendung und Verarbeitung durch die Zeitepochen interessiert, findet sich durch die Aufteilung in den Einzelvitrinen schnell zurecht. Besonders vielfältig ist die Glassammlung, wo vom mittelalterlichen "Krautstrunk" über das technisch hochentwickelte venezianische Glas des 16. und 17. Jahrhunderts und barocke Rubingläser bis zu den eleganten Jugendstilgläsern von E. Galle und L.C. Tiffany die unendliche technische und künstlerische Variationsbreite des "ältesten Kunststoffes der Menschheitsgeschichte" deutlich wird.

Ist der Besucher vorwiegend handwerklich orientiert und möchte mehr über bestimmte Techniken des Möbelbaus oder die Entwicklungen eines bestimmten Möbeltyps erfahren, so kann er von der massiven, mittelalterlichen Frontstollentruhe über die Intarsien- und Schnitzmöbel der Renaissance und des Barock, den zierlichen Rokokoschreibschrank oder den elegant geschwungenen Jugendstilschreibtisch bis hin zum futuristischen Sessel der 80er Jahre die ganze Bandbreite handwerklichen und industriellen Schaffens durchwandern. Aber auch die Beschäftigung mit einer einzelnen Stilepoche und deren Dingwelt lohnt und wirft eine Menge Fragen und Überlegungen künstlerischer, technischer, aber auch sozialer Natur auf, die durch die Anschauung typischer, langlebiger oder auch nur modischer Zeiterscheinungen geklärt werden und vielleicht zu einem besseren und tieferen Verständnis einer zunächst als fremd empfundenen Zeitepoche führen können. Schließlich findet auch der passionierte Sammler reichlich Anschauungs- und Vergleichsmaterial (z.B. Porzellan der unterschiedlichen Manufakturen des 18. Jahrhunderts). Diese Beispiele zeigen die Verschiedenartigkeit der Eindrücke und Erfahrungsmöglichkeiten dieses speziellen Museumstyps und dessen vielfältige Möglichkeiten, Denkanstöße unterschiedlichster Art vermitteln zu können.

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Erwähnt werden sollen zum Schluß noch zwei wichtige Schwerpunkte, die sich direkt auf den Menschen selbst und sein Aussehen beziehen und deshalb bei den Besuchern besonders beliebt sind: zum einen die umfangreiche Schmucksammlung, die alle wichtigen Epochen umfaßt, und zum anderen die Modeabteilung im zweiten Stock, deren empfindliche Exponate in wechselnden Sonderausstellungen mit unterschiedlichen Themenstellungen präsentiert werden. Die vom Museum veranstalteten Sonderschauen zeigen häufig Aspekte speziell modernen Designs und beziehen sich dabei auch auf andere Kölner Veranstaltungen, beispielsweise die Möbelmesse. An zusätzlichen Einrichtungen für den Besucher gibt es außer der Cafeteria eine Präsenzbibliothek (geöffnet Dienstag bis Freitag, jeweils zwischen 11 und 16 Uhr). Im Foyer können ausgewählte kleinere Gegenstände moderner Designer erworben werden, ebenso eine Fülle an Literatur, Katalogen und Postkarten. Öffentliche Führungen zu verschiedenen Themenkreisen finden samstags um 14.30 Uhr und sonntags um 12 Uhr statt.

Das Museum für Angewandte Kunst ist täglich außer montags geöffnet, und zwar mittwochs von 11-20 Uhr, dienstags, donnerstags und freitags von 11 - 17 Uhr, samstags und sonntags von 12 - 17 Uhr. Der Eintritt beträgt € 3,20 pro Person, Kinder unter 6 Jahren sind frei, ab 6 bezahlen sie und andere Ermäßigungsberechtigte € 1,90.

Museum für Angewandte Kunst

  • An der Rechtschule
  • 50667 Köln
  • Tel. 0221/2212-6714, 221-3860
  • Fax 0221/2212-3885

aus: Yvonne und Thomas Plum: Kunst, Kakao und Karneval - was Museen in und um Köln zeigen. J.P. Bachem Verlag. Köln 1995

Copyright © by J.P. Bachem Verlag

Fotos (v.o.n.u.): © Rheinische Bildarchiv; Erik Schwarz †; Thomas Plum


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