Altstadt-Monster


PETERAm Heumarkt steht an der Ecke zum Seidmacherinnengäßchen das "Gasthaus zum St. Peter" von 1568. Es ist eines der ganz wenigen wirklich alten Häuser in der Altstadt und wohl auch das schönste unter ihnen. Die dicht aneinandergereihten Fenster mit ihren abgerundeten Ecken sind für die Häuser dieser Zeit ebenso typisch wie der dreifach geschwungene Volutengiebel.
Hier kann man an der Seitenwand noch ein besonders gut erhaltenes Exemplar eines sogenannten Grinkopfes finden.
Welches Geheimnis mag sich wohl hinter dieser grausigen Fratze verbergen? Eine alte Kölner Sage gibt darauf folgende Antwort:

Zur Zeit des Erzbischofs Anno, also gegen Ende des 11. Jahrhunderts, lebte in Köln eine Witwe, die ganz auf sich alleine gestellt war, da sie auch keine Kinder hatte, die ihr helfen und sie unterstützen konnten. Eines Tages ging diese Frau nun zu einem reichen Kölner Kaufmann und gab bei ihm eine ziemlich große Bestellung auf. Wie es damals üblich war, wurde der Handel mit einem Handschlag besiegelt und die Ware im voraus bezahlt. Die Frau ging beruhigt nach Hause und war gewiß, daß der Händler sie schon benachrichtigen werde, wenn ihre Sachen eingetroffen seien. Doch Woche um Woche verstrich und keine Nachricht kam.
Schließlich suchte sie den Kaufmann noch einmal auf und fragte, was denn die Lieferung so lange hinauszögere. Dieser war jedoch ein rechtes Schlitzohr und glaubte, die betagte Dame ungestraft um ihr Geld betrügen zu können. Er stellte sich unwissend und tat so, als habe er nie einen solchen Handel mit ihr abgeschlossen, geschweige denn Geld dafür bekommen. Als sie aber gar nicht locker lassen wollte, da begann er, sie zu beschimpfen, und forderte sie auf, ihre Zeugen zu nennen. Da sagte die Frau: "Zeugen habe ich keine, außer Gott. Möge der es dir vergelten, was du mir angetan hast!" Damit wandte sie sich ab und verließ das Haus.
Die Geschichte ließ ihr keine Ruhe. Was war naheliegender, als das Recht bei den Schöffen zu suchen? So machte sie sich auf und trug ihre Klage den zwölf Schöffen vor. Doch die waren von dem Kaufmann längst bestochen und machten gemeinsame Sache mit ihm. Auch sie sagten der Frau, sie könnten ihr kein Recht geben, solange sie keine Zeugen für den Handel habe. Und sie antwortete wieder: "Zeugen habe ich keine, außer Gott. Möge der euch vergelten, was ihr mir angetan habt!"
In ihrer Verzweiflung wußte sich die Frau nun keinen anderen Rat mehr, als sich an den Kölner Erzbischof zu wenden, der in jener Zeit die Stadt regierte. Anno hielt sich damals gerade in der Abtei Siegburg auf, so daß sie auch noch eine für sie sicherlich beschwerliche Reise auf sich nehmen mußte. Endlich angekommen wurde sie schon bald zum Erzbischof vorgelassen, dem sie erzählte, wie übel man ihr in Köln mitgespielt hatte. Anno wurde daraufhin zornig und schwor, daß er solch schändliches Verhalten in seinem "Heiligen Köln" nicht dulden werde. Sofort befahl er die Schöffen und den Kaufmann zu sich.
Kaum waren sie angekommen, nahm er sie auch schon aufs schärfste ins Verhör. Anfangs versuchten die Dreizehn zu leugnen, doch einer der Schöffen, der früher bei Anno im Dienst gestanden hatte und wußte, was für ein harter Herr dieser sein konnte, rückte schließlich mit der Wahrheit heraus.
Annos Urteil erwies sich in der Tat als hart: er ließ sie alle blenden. Dem einen jedoch, der die Wahrheit gestanden hatte, wurde nur ein Auge ausgestochen, so daß er die anderen nach Köln zurückführen konnte. Über den Hauseingängen der dreizehn Übeltäter aber ließ Anno grausige Steinfratzen anbringen, die wie tot oder ausgestochen wirkende Augen hatten, um die Kölner zu warnen, daß sie nicht vom rechten Weg abkommen sollten, da ihnen sonst ähnliches drohen könnte.

Soweit die Sage.
Die Wirklichkeit ist viel harmloser. Was bei den Grinköpfen auffällt, ist, daß sie keinen Unterkiefer, dafür aber lange Metallzähne haben, die V-förmig nach unten zusammengehen. Dahinter befindet sich eine kleine Höhlung in der Mauer. Und unter einem alten Grinkopf (es gibt inzwischen auch ein paar moderne, die nur noch zur Zierde dienen) befindet sich, wenn er noch an seinem alten Platz ist, ein Kellerloch. Zwischen die Zähne steckte man eine Stange bis in die Höhlung. Darüber wurde ein Seil gelegt und damit hatte man einen simplen aber sehr effektiven Flaschenzug, mit dem man Waren aus dem Keller holen oder auch in ihn hinunterlassen konnte. Die Fratzen darüber dienten nur der Zierde.



Text und Fotos © Yvonne Plum



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