Als
Creatures kurz vor Weihnachten 96 in Deutschland auf den Markt kam, wurde
vor allem mit zwei sehr abenteuerlichen Argumenten versucht, die Leute
zum Kauf zu reizen.
Da
wurde etwa behauptet, Creatures sei die ideale Vorbereitung für Kinder,
die ein Haustier wollten, da sie hier lernen könnten, Verantwortung für
ein Lebewesen zu übernehmen. Jeder, der Erfahrung mit Creatures und Haustieren
hat, wird wissen, daß das völliger Humbug ist. Wenn ich mal keine Zeit
oder Lust habe, kann ich meine Norns auf der Festplatte in den Tiefschlaf
schicken. Bei einem Haustier geht das nicht. Das größte Anfangsproblem
bei Creatures ist es in der Regel, die kleinen Biester dazu zu bekommen,
das Richtige in genügenden Mengen zu fressen und das Falsche sein zu lassen.
Für Haustiere bekommt man in jedem Supermarkt die passende Futtermischung,
und fressen tun sie meist von selbst. Das größte Problem bei Haustieren
ist, daß sie Dreck machen: Käfig saubermachen, Gassi gehen, Katzenklo reinigen
- das sind alles Aufgaben, die von Kindern maximal 14 Tage mit großer Hingabe
erledigt und dann ganz schnell auf die Eltern abgeschoben werden. Ein Norn
oder Grendel hingegen hinterläßt keine Häufchen, stinkt nicht und haart
auch nicht (ideal für Allergiker!). 
Dann
gab es auch noch das tolle Argument, Creatures sei die ideale Vorbereitung
auf die Elternschaft, da Norns doch genauso dickköpfig seien wie Kleinkinder.
Jeder, der schon einmal mitten in der Nacht raus mußte, weil das Blag Zähne
kriegt und das halbe Haus zusammenschreit, oder mitten im Kaufhaus, verfolgt
von den vernichtenden Blicken aller Nichteltern, einen Machtkampf mit seinem
Nachkommen über den Kauf irgendeines absolut überflüssigen und zudem noch
sauteuren Spielzeugs ausgefochten hat, wird das ruhige und liebenswürdige
Wesen der Norns zu schätzen wissen, die niemals schreien oder vor Wut mit
den Füßen trampeln, sondern dich, nachdem du zum hundertsten Mal "druck
Essen" (="Iß jetzt endlich die verdammte Möhre, sonst kannst
du was erleben!!!") eingegeben hast, anlächeln und mit einem freundlichen
aber bestimmten "druck Ball" sich ihr Spielzeug unter den Arm
klemmen und aus dem Möhrenbeet verschwinden.
Creatures
wird auch immer wieder als Spiel bezeichnet. Das ist nicht ganz richtig.
Eigentlich ist Creatures eine Simulation von Leben innerhalb eines bestimmten
Ökosystems, das den schönen Namen Albia trägt. Die Hersteller gehen sogar
so weit zu sagen, daß das Leben der Norns und Grendels keine Simulation,
sondern wirkliches Leben sei - ein interessanter Standpunkt, der sicherlich
diskutierfähig ist.
Da
Creatures also kein Spiel ist, gibt es auch keine Komplettlösung oder ähnliches.
Der Wettkampfcharakter der Spiele fällt weg, es sei denn, man betätigt
sich als Punktejäger. Es gibt eine Anzeige für Bonuspunkte, die dadurch
erzielt werden, daß der Norn etwas Neues lernt, eine Krankheit erfolgreich
überwindet, ein Ei legt etc. Im Handbuch ist aufgelistet, ab welcher Punktzahl
man sich wie einstufen kann.
Wenn Creatures also nichts für Kinder mit Haustierwunsch,
angehende Eltern und Spielernaturen ist, für wen ist es denn dann etwas?
Ich
persönlich bin der Meinung, daß Creatures jeden faszinieren kann, der ein
gewisses Interesse für Tiere sowie Biologie, Ökologie und Genetik mitbringt.
Aber auch wer an Spielen wie "Dogz" bzw. "Catz" sein
Vergnügen hat, wird sich wahrscheinlich mit Begeisterung auf Creatures
stürzen. Nur über eines sollte man sich im klaren sein: man muß sehr, sehr
viel Geduld mitbringen, denn so süß die kleinen Norns auch sein mögen,
sie sind nicht unbedingt ein Ausbund an Intelligenz. Aber das ist ja auch
eine schöne Herausforderung: da die Norns entwicklungsfähig sind, müßte
es doch möglich sein, klügere Norns zu züchten, oder?!
Übrigens: im September 98 soll Creatures 2 erscheinen, daß über ein sehr viel komplexeres Ökosystem, entwicklungsfähigere Norns mit mehr Ausdrucksmöglichkeiten und agressivere Grendels verfügen wird. Ob es allerdings wirklich in allen Punkten eine Verbesserung des ursprünglichen Spiels sein wird, bleibt abzuwarten.

Yvonne
Plum